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Home Nachrichten Trotz der Absurdität – wie ich Russland bezwungen habe – und Russland mich

Aus dem Buch  von Lennart Dahlgren "Trotz der Absurdität - wie ich Russland bezwungen habe - und Russland mich" Erinnerungen des ersten Generaldirektors von IKEA in Russland.

ÜBERLEGUNGEN EINES DILETTANTEN

Zum Schluss versuche ich mich mit dem Gebiet zu befassen, wo ich gar kein Experte bin. Da es aber mein Buch ist, werde ich doch die Freiheit des Autors verwenden, um meine Meinung über etwas zu äußern, womit ich mich seit Jahren auseinandergesetzt habe.
Wenn man auf die Geschichte des modernen Russlands zurückblickt, beginnt man zu verstehen, wie viele Hindernisse es da für die Entwicklung gab. Es sind keine Hundert Jahre vergangen, seit der verrückte Hochstapler Grigori Rasputin, gestützt auf das Vertrauen der Zarenfamilie, praktisch das Land regierte. Nur noch vor einem halben Jahrhundert führte der besessene Diktator den Staat an. Nicht einmal ein Generationswechsel weiter, bei dem Sowjetunion unerwartet auseinander fiel, wurde Russland plötzlich unabhängig, und nahm einen Kurs auf die Demokratie. Sowjetunion war eine Supermacht, doch Russland vererbte eine Menge Probleme und eine Regierung, die gar nicht wusste, wohin und wie es weitergehen soll. Nur vor ein paar Jahren prophezeiten viele Experten die drohenden Krach und Ruin. Im Jahr 2003 betrug die Auslandsverschuldung astronomisch große Summen.
Erstaunlicherweise weiß man im Westen wenig über Russland. In der Regel werden die politischen Beziehungen nicht mehr als im Rahmen der dienstlichen Notwendigkeit gepflegt. Wie ich schon sagte, es gibt bei dieser Regel doch Ausnahmen. Zum Beispiel, Deutschland stellte ziemlich enge Verbindung auf dem höchsten diplomatischen und behördlichen Niveau und das ermöglicht unter anderem die Entstehung guter Ausgangsbasis für die Stärkung geschäftlicher und kaufmännischer Beziehungen.
In nur wenigen Universitäten von Europa ist es möglich, die russische Sprache und Kultur auf einem guten Niveau zu studieren. Immer mehr Kinder der russischen Elite und junge Russen bekommen ihren Hochschulabschluss an den westlichen Universitäten.
Diejenigen, die in Russland an der Macht waren - wobei die Mehrheit von denen noch an der Entwicklung der fünfjährigen Plänen und der Vorbereitung der Erklärungen, wieso diese Pläne zum wiederholten Mal nicht erreicht werden konnten, beteiligt waren, - kann man kaum als passende Kandidaten für die Rolle der Spitzenreiter zählen, die in der Lage wären, den Entwicklungskurs Russlands über die Jahre im Voraus zu bestimmen. Die heutigen politischen Führer wuchsen  und wurden in den obersten Kreisen der totalitären Gesellschaft erzogen, und bisher sich nicht in der geänderten Situation umsahen. Infolgedessen unternehmen sie fast nie Präventivmaßnahmen und reagieren nur auf das Geschehene.
Heute erwartet die Welt, dass Russland komplett allen demokratischen Normen entsprechen wird, und mehrere Staaten hasten bei jeder Gelegenheit seine Regierung auf beliebige Fälle der Abweichung von diesen Normen. Russen, die den ehemaligen Gewicht und Einfluss ihres Landes begierig wiederherstellen wollen, reagieren sehr schmerzhaft auf solche Angriffe. Russische Führer machen drastische Gegenerklärungen und unternehmen, ihrer Ansicht nach, "symmetrische" Vorkehrungen, darunter auch welche mit Gewalt, und das bei der völligen Unterstützung der Bevölkerung. Das zerstört natürlich jegliche Versuche einer Zusammenarbeit und Suche nach den gemeinsamen Sichtweisen. Das festigt nur die Gewissheit der internationalen Gemeinschaft in deren Richtigkeit. Kooperation mit Russland ist nur beim Vorhandensein eines Dialogs möglich, basierend auf dem gegenseitigen Respekt.
Im Vergleich zu den anderen Ländern, beschenkte die Natur das Russland großzügig mit Bodenschätzen. Die Rohstoffpreise, welche noch vor kurzem übermäßig klein waren, steigen immer weiter. Europa und China werden in der Zukunft immer mehr von den Lieferungen der fossilen Brennstoffe aus Russland abhängen. Weltweit wächst Bedarf an Metallen - und Russland verfügt über reiche Vorkommen aller strategisch wichtiger Metallerzen. China und Europa benötigen immer mehr Holz, den es in Russland gibt. Versucht dieses Land die Preise auf fossile Brennstoffe zu erhöhen, oder Ausfuhrzoll dafür einzuführen, jammern voller Empörung die Industrieunternehmer auf der ganzen Welt.
Russische Währungsreserve wird nur wachsen. Heute sind Leute sich in der Hinsicht einig, dass die Wirtschaftsentwicklung des Russlands, wenn auch mit einigen Unterbrechungen, in der Zukunft mit einem schnellen Tempo fortgesetzt wird und diese Tendenz langfristig erhalten bleibt.
Russische Geschäftsleute haben bereits angefangen, Unternehmen im Westen anzukaufen. Und sie werden profitable Unternehmen mit einem guten geschäftlichen Ruf kaufen, welche eine umfangreiche Erfahrung haben und über eine fortgeschrittene Technologie verfügen. Auf diese Weise kann sich in der Zukunft sowohl verwaltungsmäßige, als auch berufliche Praxis nach Osten verschieben. Ich kann mir leicht vorstellen, wie die Massenmedien, Führungskräfte und diverse Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens an den Diskussionen teilnehmen werden, in dem Versuch, den Wiederkauf der europäischen Aktiven von den russischen Unternehmern aufzuhalten. Anfangs werden die Direktoren von unseren Korporationen solche Angebote verschmähen und vielleicht sogar auf sie von oben schauen. Doch darauf werden Russen einen höheren Preis anbieten und letztendlich werden die Aktionäre das nicht mehr ablehnen können. Abschwächender Weltwirtschaftswachstum und dessen Abschwungsperioden werden das nur begünstigen.
Der Westen sieht die Zukunft des Russlands falsch. Wir haben unsere gegenseitigen Beziehungen zu ändern und wir müssen lernen, einander zu verstehen und zu respektieren.
Wenn Sie denken, dass ich vorschlage, dass wir uns vor Russland einschmeicheln sollen, dann irren Sie sich. Das darf man auf keinen Fall machen, wenn man versucht den Respekt und Freundschaft mit Russen zu erlangen.
Ich versuche bloß zu sagen, dass der Westen sich beeilen muss und gegenläufige Schritte vornehmen, orientiert auf die Verbesserung der Beziehungen mit Russland. Vielleicht wird das uns helfen, besser unsere östlichen Nachbarn zu verstehen und neue Möglichkeiten für uns zu entdecken, welche wir bisher nicht bemerkten.
Alle Schwierigkeiten, mit denen wir uns in Russland konfrontierten, konnten sich als unüberwindbar erweisen,  wenn wir keine neuen folgenden Möglichkeiten sehen würden. Wir bauten dreizehn gigantische Einkaufszentren in zehn Städten, riesigen Vertriebszentrum, ausgerüstet mit den modernsten Technologien, nahmen drei Produktionskomplexe in Betrieb und beschäftigten sechstausend Mitarbeiter - und das alles in weniger als zehn Jahren. Wo kann man sonst solche beeindruckende Ergebnisse in so kurzer Zeitdauer erreichen?
Ich hoffe, dass unter meinen europäischen Lesern solche sein werden, die, nach dem sie dieses Buch gelesen haben, zumindest ein wenig sich für Russland interessieren werden. Das Kräfteverhältnis in der Weltarena ändert sich ständig, und in der Zukunft steht uns bevor, enger mit unserem östlichen Nachbarn im Kontakt zu stehen. Wir neigen dazu, die bestehenden Vorurteile über Russland für Wirklichkeit zu halten. Wir haben eine veraltete Form, mithilfe derer wir ein Ebenbild des Russlands aus Bronze zu gießen versuchen, wobei das sich tatsächlich aus der Mosaik zusammensetzt und sich ständig ändert.

 
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